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Nun steht auch Irland erneut gegen den Vatikan auf

Gepostet von Thore on September 17, 2011

Dublin, einer der entscheidenen Handlungsorte, von dem aus sich die Nachfahren der Druiden auf ihre abenteurliche Entdeckungsreise ihrer Geschichte machen, hat nun ebenfalls seine erneuten Papstproteste.

 

Rebellion in Dublin

 

Von Marco Evers (Spiegel Online)

Der Vatikan wehrt sich gegen Vorwürfe, er decke pädophile Priester. Aber schon naht der nächste Bericht über Kindesmissbrauch in einer katholischen Diözese.


Als Tony Flannery sich zum Ordenspriester weihen ließ, schwor er, sein Leben in "Armut, Keuschheit und Gehorsam" zu verbringen. Zu Letzterem sieht sich der Bewohner eines abgelegenen Klosters im Westen Irlands heute nicht mehr imstande.

Das hat mit einem Missbrauchsskandal zu tun, der schon seit längerem das Land bewegt. Und mit einem Untersuchungsbericht, der seit Juli die Runde macht: Er enthüllt, dass Flannerys Vorgesetzte über lange Jahre hinweg wenig taten, um Kinder vor pädophilen Priestern zu schützen, und dabei aus der Kirchenzentrale in Rom auch noch unterstützt wurden.

Die Bischöfe der Insel seien "ein armseliger Haufen, dem jedes Führungsvermögen fehlt", sagt Flannery. Und dass der gleichfalls belastete Vatikan unter Papst Benedikt XVI. "selbst unter Katholiken den Großteil seiner Autorität verspielt" habe.

Flannery, 64, trägt Sandalen, Hose, Pulli. Er gehört dem Orden der Redemptoristen an, der - wie alles Katholische hier - schon bessere Zeiten gesehen hat. 18 Männer leben in dem Kloster Esker, die Hälfte ist jenseits der 80, Flannery der Zweitjüngste. Einen nörgelnden Prediger wie ihn hätten die Kragenträger in Rom früher im Handumdrehen mundtot gemacht. "Jetzt hat der Vatikan dazu nicht mehr die Macht", sagt Flannery und kann es selbst kaum glauben.

Während der deutsche Papst seine Mission in der Wiederbelebung des christlichen Glaubens sieht und zu diesem Behufe kommende Woche auch nach Deutschland eilt, vollzieht sich auf der ehemals frommen Insel eine Wende ganz anderer Art. In Irland hat das Zeitalter des Postkatholizismus begonnen, der Grund dafür ist die wachsende Empörung über Benedikts Amtskirche.

Zu oft wurden Bischöfe beim Lügen ertappt

Denn die, so scheint es den Iren, ist unfähig und unwillens, den jahrzehntelangen Kindesmissbrauch in ihren Reihen aufzuarbeiten oder überhaupt abzustellen - obwohl irische Gerichte schon rund 15.000 Opfern Entschädigungszahlungen zugesprochen haben. Und so bröckelt derzeit alles: die Zahl der Kirchgänger, die Einnahmen der Diözesen, das Ansehen der Würdenträger, sogar die uralte Untertänigkeit irischer Politiker gegenüber Rom. Das System wankt, und daher "haben wir zum ersten Mal die Chance, etwas zu ändern", sagt Rebell Flannery.

Der Geistliche gehört zu den Wortführern einer Protestorganisation, die vor gut einem Jahr gegründet worden ist. Sie trägt den unschuldigen Namen "Association of Catholic Priests" (ACP) und ist stetig gewachsen, auf jetzt bereits über 500 Mitglieder. Das sind zu viele Geistliche, als dass der Vatikan sie einfach überhören könnte.

Kaum ein katholisches Dogma ist diesen Katholiken heilig. Der Vatikan solle aufhören, Bischöfe zu installieren, die keiner haben will in den Gemeinden, fordert Flannery. Frauen sollten Priesterinnen werden dürfen, Gläubige sollen mitbestimmen. Und der Zölibat müsse weg, ganz klar, "er funktioniert einfach nicht", sagt der Priester.

Viele Iren, die Medien sowieso, hören lieber den wütenden Geistlichen der ACP zu als den grauen Männern mit der Mitra auf dem Haupt. Zu oft wurden Bischöfe beim Lügen ertappt.

Die "kaputte, weltfremde, elitäre Kultur" des Vatikans

Für viele wurde das letzte Stückchen Vertrauen in die Kirche zerstört, als im Juli jener Untersuchungsbericht erschien, den das Justizministerium über die ländliche Diözese Cloyne im Süden der Insel erstellen ließ. Fast zwei Jahre lang hatte eine staatliche Kommission überprüft, ob diese Diözese, wie sie immerzu beteuerte, ausreichend Maßnahmen ergriff, um Kinder vor pädophilen Priestern zu schützen.

Das Ergebnis: Bis ins Jahr 2008 taten die Kirchenoberen "wenig bis nichts". Bischof John Magee ließ zu, dass verdächtige Priester weiterhin Kontakt mit Heranwachsenden hatten, 9 von 15 Beschwerden leitete die Diözese nicht weiter an die Polizei.

Der Bericht stellte zudem fest, dass der Vatikan nicht willens war, bei der Aufarbeitung der Geschehnisse mitzuwirken - so wenig wie bei den drei großen früheren staatlichen Untersuchungen.

Geradezu explosiv aber war, was die Ermittler über die Geheimkorrespondenz des Vatikans zutage förderten. Der Nuntius, Roms Vertreter in Dublin, hatte die Richtlinien der irischen Kirche zum Schutz von Kindern gegenüber den Bischöfen als "nicht bindenden Entwurf" bezeichnet - er stehe im Widerspruch zum Kirchenrecht. Damit gab er ihnen freie Hand, alles zu ignorieren, was von der eigenen Kirche beschlossen worden war.

Sehr zum Ärger von Diarmuid Martin, 66, dem ruppigen Erzbischof von Dublin. Der hat sich den Ruf erworben, erbarmungslos gegen pädophile Priester vorzugehen - und gegen eine Kirche, die diese gewähren lässt. Doch er ist, so viel wird nun klar, ein einsamer Streiter. Jedenfalls im Kreis der Bischöfe. Kaum war der Cloyne-Bericht erschienen, saß Martin in einem Fernsehstudio, den Tränen nahe.

"Ich muss mich schämen für diese Kirche"

"Ich muss mich schämen für diese Kirche", sagte er. Ob man denn den übrigen Bischöfen glauben könne, dass diese jetzt endlich gegen Kindesmissbrauch vorgingen? "Ich hoffe es", stammelte er verlegen.

Und dann sagte Martin etwas Denkwürdiges. In Irland wie im Vatikan seien "Seilschaften" am Werk - Geheimbünde, die hinterrücks versuchten, die staatlichen und kircheneigenen Regeln gegen den Missbrauch auszuhebeln.

John Magee beispielsweise, der Bischof von Cloyne, war wohlbekannt im Vatikan. In den siebziger Jahren lebte er dort opulent in einer Villa und diente nacheinander drei Päpsten als Privatsekretär. Später komplimentierte ihn Johannes Paul II. in die irische Provinz. Bereits im Vorfeld der Enthüllungen ließ Magee, 74, seine Ämter ruhen.

Auch Premierminister Enda Kenny, 60, verdammt den Vatikan inzwischen in Grund und Boden. Das will viel heißen auf der gottgefälligen Insel, auf der sich Politiker früher vor allem als Katholiken und erst danach als Iren verstanden. Jahrzehntelang gehörte es zum politischen Alltag, dass Bischöfe das Parlament zurechtwiesen, wenn ihnen ein Gesetzentwurf nicht gefiel.

Die Kirchenzentrale spiele den Missbrauch herunter

In ebendiesem Parlament geißelte Kenny nun "die kaputte, weltfremde, elitäre Kultur" des Vatikans. Die Kirchenzentrale schwelge im "Narzissmus", sie spiele "die Vergewaltigung und Folter von Kindern" herunter und sei in all ihrem Tun einzig bemüht, den schönen Schein aufrechtzuerhalten. Die Mehrheit der Iren bejubelte ihren Premier für diese Worte. Und der Vatikan zog erschrocken seinen Nuntius ab - wohl auch, um einer formellen Ausweisung zu entgehen.

Justizminister Alan Shatter arbeitet bereits an einem Gesetz, das den Schutz von Kindern "über interne Regeln von religiösen Gruppierungen" stellen soll: Wer von Kindesmissbrauch erfährt, muss die Polizei einschalten. Tut er das nicht, drohen ihm bis zu fünf Jahre Haft. Die Kirche läuft Sturm gegen dieses Projekt, denn dieses Gesetz würde auch das Beichtgeheimnis beschneiden.

Aber noch ist der Sumpf nicht trockengelegt. Kaum ist der Cloyne-Bericht da, sind schon neue Enthüllungen angekündigt. In der Diözese Raphoe im Norden der Insel ist ein kircheneigener Ermittler aktiv. Er untersucht, wie die Bischöfe dort seit 1975 mit dem Thema Kindesmissbrauch umgegangen sind.

Im Oktober soll er seinen Rapport vorlegen. Angeblich geht es um Hunderte vergewaltigte Kinder. Priesterrebell Tony Flannery sagt: "Auch in Raphoe ist der Wurm drin."

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